Unsere Kollegin Sandra und ihr Verlobter am Tag der Abreise. Bild: Privat

Viele träumen davon, sich für längere Zeit aus dem Alltag zu verabschieden, den Kopf freizubekommen und die Batterien aufzuladen. Unsere Kollegin Sandra Bache hat das getan und berichtet von ihren Erfahrungen rund um ihr viermonatiges Sabbatical.

Nicht erst seit Corona liebäugeln Arbeitnehmer*innen mit flexiblen, längeren Auszeiten, um diese frei für sich nutzen und gestalten zu können. Auch meinen Verlobten und mich hat es nach einem Jahr trister Pandemie-Zeit in die Ferne gezogen. Einfach mal bei der Arbeit Pause einlegen, sich vom Alltag verabschieden und für einige Monate das schöne Europa bereisen – damit ist für uns ein echter Traum in Erfüllung gegangen.

Möglich wurde das durch ein Sabbatical, auch Sabbatjahr genannt – oder, einfach ausgedrückt: unbezahlter Sonderurlaub, der sich auf einen bestimmten Zeitraum erstreckt. Das ist prinzipiell für jede*n Berufstätige*n in Deutschland möglich, aber konkrete gesetzliche Regelungen existieren lediglich für Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst. Somit obliegt es dem Arbeitgeber, ob und in welchem Ausmaß er ein Sabbatical genehmigt. Und, ich hatte Glück oder einfach den richtigen Arbeitgeber.

Der Betrieb muss mitspielen

Die Herausforderungen liegen dabei auf der Hand: Je kleiner oder spezialisierter der Betrieb, desto schwieriger ist es, den längeren Ausfall eines Kollegen oder einer Kollegin zu kompensieren. Das gilt auch für EARSandEYES, wo wir meist in eingespielten Teams von wenigen Personen arbeiten. Insofern war die frühzeitige Kommunikation umso wichtiger, und ich habe mein Interesse an einem Sabbatical anderthalb Jahre vorher angekündigt.

Die Reaktion sowohl vonseiten der Geschäftsführung als auch von meiner Teamleiterin hat mich sehr positiv überrascht! Es bestand von vornherein kein Zweifel daran, dass man mir diese Chance gern ermöglichen wollte. Gemeinsam haben wir die Planung dann konkretisiert, je näher das wirkliche Reisedatum rückte.

„Es ist uns wichtig, auf die Bedürfnisse und Wünsche unserer Kolleg*innen einzugehen. Auch, wenn das für uns erstmal Mehrarbeit bedeutet. Aber für die Motivation und Energie der Mitarbeiter ist sowas elementar und vermutlich haben wir auch deshalb ein so gutes Betriebsklima.

Natürlich müssen alle Beteiligten (und vor allem natürlich das Team) mitspielen und mit der getroffenen Regelung gut leben können. Das hat mit gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen zu tun.“

Susanne Maisch, Geschäftsführerin EARSandEYES

Sabbatical ist nicht gleich Sabbatical

So vielfältig wie die Gründe für ein Sabbatical, so unterschiedlich sind auch die Modelle zur Umsetzung: Sabbatical durch unbezahlte Freistellung, Sonderurlaub, Lohnverzicht, Teilzeit oder dank eines Arbeitszeitguthabens. So ruht beispielsweise der Arbeitsvertrag bei der unbezahlten Freistellung. Diese Variante ist für den Arbeitgeber sehr einfach zu realisieren, hat jedoch einen erheblichen Nachteil für den*die Arbeitnehmer*in: Er oder sie muss sich selbstständig um die Kranken- sowie Renten- und Arbeitslosenversicherung kümmern. Eine gängige Alternative: Über längere Zeit Gehalt ansparen, welches während der Freistellung ausgezahlt wird. Diese Variante ist wiederum in der Umsetzung für den Arbeitgeber eher aufwendig.

In diesem Dschungel aus Alternativen bin ich sehr froh, dass wir gemeinsam den passenden Weg gefunden haben. Auf eine sehr unkomplizierte Art und Weise.

Das gab mir die Möglichkeit, mich auf das Wichtige zu konzentrieren: Die Planung der Reise. Für diese haben wir uns im September 2019 extra unseren „Herbie“ zugelegt – einen fast 20 Jahre alten T5-VW-Bus. Wir haben uns bewusst für das Reisen im Bus entschieden, da wir annahmen, dass es die entschleunigende Art ist, fremde, unentdeckte Orte zu erkunden. Zudem sind wir unsere eigenen Herren. Warum also fliegen? (Das wäre im Nachhinein mit Corona eh schwierig geworden.)

Sabbatical-Collage. Bild: Privat

Ausgewählte Reiseerinnerungen. Bild: Privat

Im Camping-Bus auf große Tour

So hieß es dann im Juni 2021: Tschüss Alltag, hallo Freiheit! Wir hatten zwar vorher eine grobe Idee, wo wir hinwollten, aber bis ins letzte Detail durchgeplant war die Reise nicht. Und tatsächlich: Schon der Schwarzwald und Süd-Bayern waren so schön, dass wir unsere drei Monate auch allein in Deutschland hätten verbringen können. Urlaubsziel Deutschland? Definitiv!

Wir zogen aber weiter und haben die Alpen in Österreich erklommen. Danach fuhren wir nach Slowenien und Kroatien. Nach etwa der Hälfte der Zeit haben wir einen kleinen Abstecher raus aus der EU gemacht und sind nach Bosnien-Herzegowina gereist. Eine sehr gute Entscheidung, denn Bosnien-Herzegowina ist ein kulturell faszinierendes und sehr geschichtsträchtiges Land mit herzlichen Menschen und unglaublich leckerem Essen. Da uns letztendlich doch das südländische Flair fehlte, sind wir nach Bella Italia, bevor es wieder in die Heimat ging.

Besinnung auf das Wesentliche

Sabbatical-Reiseroute. Bild: Privat

Die Reiseroute. Bild: Privat

Das Leben unterwegs ist eine Kombination aus Aktion und Entspannung, vor allem: einfach. Ob auf einem Stell-/Campingplatz oder „in der Wildnis“ stehen – viel mehr als unsere Stühle, einen kleinen Grill und ein Buch haben wir nicht gebraucht. Die Dinge, die einen wirklich glücklich machen, sind eben meist nicht mit Geld zu bezahlen! Für mich war es die viele Zeit mit meinem Partner und die wunderschöne Natur. Ich bin raus aus dem Kopf und rein ins Herz: einfach nur die Schönheit des Moments genießen und dadurch viele neue Impulse bekommen. Dafür bin ich unglaublich dankbar.

Oft werden wir gefragt, wo es am schönsten war. Das ist schwer zu beantworten, denn das Schöne ist eigentlich die komplette Erfahrung als solches. Müsste ich mich festlegen, wäre es Italien. Dafür schlägt mein Herz. Die Sonne, im Norden die Berge, im Süden das Meer, die romantischen Städte und vor allem das Lebensgefühl: Einen Gang runterschalten und genießen. Ich glaube, dass sich viele Menschen davon eine Scheibe abschneiden könnten, mich eingeschlossen.

Was bleibt von der Zeit? Ich habe so viel mitgenommen: Wir haben fremde Orte erkundet, neue Erfahrungen gesammelt und ich habe mich selbst neu kennengelernt. Frisch, erholt, mit vielen Ideen und neuen Einstellungen komme ich in mein Leben zurück und stecke mein Umfeld damit an – wovon auch mein Arbeitgeber profitiert. Ich bin dankbar für diese Reise und wünsche mir, dass jeder Mensch einmal die Möglichkeit bekommt, eine solche Erfahrung zu machen.