Dr. Rowena Arzt (r.) verantwortete den reibungslosen Messebetrieb. Bild: Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands e.V.

Anfang Juni öffnete mit der Interzoo.digital die Leitmesse für die internationale Heimtierbranche erstmalig ihre Pforten im virtuellen Raum. Diese Chance, aktuelle Trends in Sachen Ernährung, Pflege und Marketing „hautnah“ mitzuerleben, haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Es ist in doppelter Hinsicht ein besonderes Jahr für die Weltleitmesse Interzoo: Dass die Veranstaltung erstmalig nicht in Präsenz stattfinden kann – geschenkt. Viel interessanter für die gut 300 ausstellenden Unternehmen dürfte allerdings die Entwicklung sein, die ihr Markt in den letzten anderthalb Jahren durchgemacht hat.

Trotz aller Herausforderungen hat die Corona-Pandemie der Branche einen unerwarteten, aber höchst willkommenen Impuls gegeben: So hat sich im letzten Jahr nicht nur die Zahl der Heimtiere insgesamt deutlich erhöht, auch die Ausgaben in dem Sektor sind laut einer aktuellen Euromonitor-Studie allein in Europa um etwa sechs Prozent gestiegen. Weltweit wurden beachtliche 123 Milliarden Euro mit Heimtierbedarf umgesetzt, Analysten rechnen auch 2021 mit einem deutlichen Wachstum.

Gleichzeitig hat sich die Wahrnehmung von Heimtieren gewandelt, wie ZZF-Präsident Norbert Holthenrich in der Eröffnungs-PK ausführte: Tiere vermitteln Stabilität und Trost, sie geben physische Nähe und spenden Geborgenheit in einer turbulenten Zeit.

Die Branche ist sich einig: Dieses Momentum gilt es zu nutzen – und damit gerät auch die Leitmesse zur Präsentationsfläche eines neuen Selbstbewusstseins.

Megatrends werfen ihre Schatten voraus

So buhlten mehr als 300 Aussteller aus knapp 50 Ländern vier Tage lang auf dem virtuellen Showfloor um die Aufmerksamkeit des Fachpublikums. Auf mehreren Video-Tracks konnte der geneigte Besucher sich währenddessen Impulse beim Vortragsprogramm holen – und das war ziemlich bunt: von Marketing-Strategien über Panels zu Ernährungs- und Nachhaltigkeitstrends und politische Positionierung bis hin zu einem Kanal, wo man sich den ganzen Tag von possierlichen Werbespots für allerlei tierische Utensilien inspirieren lassen konnte.

Die Trends im Heimtierbereich spiegeln dabei in Teilen vergleichbare Entwicklungen im Lebensmittelsektor wider: Auch hier gehört der Megatrend Gesundheit zu den wesentlichen Treibern von Diskurs und Innovation, die Themen Snacking und Convenience fanden sich ebenfalls des Öfteren – und natürlich: Nachhaltigkeit.

Ohne Nachhaltigkeit geht es nicht

Diese war wenig überraschend ein bestimmendes Thema der Interzoo.digital. So traten in diesem Jahr zahlreiche Startups mit entsprechender Vision an, und auch einige namhafte Player wie MERA oder Josera nutzten die Chance, ihr diesbezügliches Markenversprechen zu schärfen. Neben einer möglichst abbaubaren Verpackung, klimaverträglichem Anbau und Fertigung gehört dabei heute auch die regionale Herstellung zu den prominenten Assets nachhaltiger Hersteller.

Der wissenschaftlichen Perspektive wurde auf der Messe ebenfalls Raum gegeben, etwa mit der Vorstellung einer großangelegten Studie zur Rezeption von Nachhaltigkeit im Heimtierbereich. Die Untersuchung ist Teil der sogenannten Interzoo Nachhaltigkeitsinitiative und entstand in Zusammenarbeit mit dem Sustainable Transformation Lab der Antwerp Management School.

Kernergebnis: Nachhaltigkeitsaspekte werden von den Akteuren der Branche zunehmend als wichtig erkannt, deren Allgemeinzustand allerdings als verbesserungsfähig erachtet. Neben den Implementationskosten gelten laut Umfrage vor allem mangelnde Unterstützung durch das Management sowie mangelndes Bewusstsein innerhalb der Branche als wichtigste Barrieren für mehr Nachhaltigkeit.

Letzteres im Übrigen auch für uns Marktforscher*innen ein kraftvoller Insight, denn mithilfe empirischer Daten Bewusstsein über scheinbar abstrakte Zusammenhänge herzustellen, ist schließlich unsere Kernkompetenz.

Von allergischen Hunden und veganen Katzen

Die Diskussion um unterschiedliche Ernährungsweisen bestimmte das Thema Gesundheit auf der Interzoo.digital. Der Trend zu alternativen Nahrungsangeboten für Hund und Katze – wie etwa fleischfrei, getreidefrei oder vegan – ist ungebrochen, wird aber weiterhin kontrovers diskutiert. Großes Thema in diesem Jahr war Single Protein, also Futter auf Basis einer einzigen Proteinquelle, das beispielsweise Hunden mit Allergien Linderung verschaffen soll. Derlei Functional Food gab es denn auch in unterschiedlichen Varianten an vielen Ständen und in mehreren Vorträgen zu begutachten.

Die genannte Proteinquelle kann im Übrigen auch aus Insekten bestehen – ein Trend, der sich genau wie in anderen Bereichen in den letzten Jahren deutlich ankündigt, aber noch nicht so recht im Mainstream angekommen zu sein scheint. Gleiches gilt für das Thema CBD (Cannabidiol), das uns zwar vereinzelt in Produktform unterkam, aber (noch) nicht zu den großen Trends zählt.

Und wie ist es nun: Kann man Hunde und Katzen artgerecht fleischfrei ernähren? Eine Antwort auf diese Frage lieferte der britische Veterinärmediziner und Direktor des Centre for Animal Welfare an der Universität von Winchester, Dr. Andrew Knight. Knight stellte zahlreiche Ergebnisse seiner eigenen Arbeit vor – die Schlussfolgerung: Ja, das geht, die Sicherstellung einer ausgewogenen Diät ist allerdings aufwändig. Zum Glück findet sich im Anbieterpool der Heimtiermesse der eine oder andere Anbieter, der seinen Kunden diese Mühe gern abnimmt.

Consumer Journey im Wandel

Auch kommunikativ ist die Branche im Umbruch. Influencer- („Petfluencer-“) Marketing und artverwandte Disziplinen nahmen dementsprechend auch im Vortragsprogramm einigen Raum ein. Eine gewisse Behäbigkeit der Branche in dieser Hinsicht wird allerdings von einigen kritisiert – unter anderem auch von einem der Referenten im persönlichen Gespräch nach dem Panel: Zu konservativ seien viele Unternehmen aufgestellt, zu sehr fixiert auf traditionelle Absatzwege im einschlägigen Fachhandel.

Selbstverständlich spielen Expert*innen wie Fachhändler oder Tierärzt*innen weiterhin eine wichtige Rolle im Vertriebsprozess, doch das Segment Direktvertrieb (Direct-to-Consumer/D2C) wächst vor allem im Special-Interest-Bereich: Viele der mehr als 90 Startups auf der Interzoo.digital präsentierten sich auch in dieser Hinsicht ausnehmend erfindungsreich.

Fazit: Bunt, vielseitig, authentisch

Insgesamt hat es die Interzoo.digital geschafft, das kreative Chaos einer großen, internationalen Messe authentisch in den virtuellen Raum zu übertragen. Positiv ist unter anderem hervorzuheben, dass alle Vorträge unmittelbar nach Abschluss bereits on-demand verfügbar waren – ein Feature, das man sich unbedingt auch für künftige Präsenzveranstaltungen wünscht.

Klar: An der Präsentation einiger Panels und Vorträge lässt sich noch arbeiten, aber in jedem Fall erlaubte uns die Interzoo.digital einen aufschlussreichen Einblick in eine bunte und vielseitige Branche. Eine Branche, die vor ihren ganz eigenen Chancen und Herausforderungen steht, gleichzeitig aber auch sehr unmittelbar durch die großen Trends und Entwicklungen unserer Zeit beeinflusst wird.