Unser digitaler Alltag: Nicht immer ein Selbstgänger. Bild: Alexandra_Koch/Pixabay

Die Pandemie hat viele von uns zu Digital-Experten gemacht – das funktioniert mal mehr, mal weniger gut. EARSandEYES Client Service Director Esther Hestermann wirft einen ganz persönlichen Blick auf das Thema Digitalisierung.

Mein Handy ist in der Tat recht smart. Stelle ich immer wieder fest. Und es hat auch ein Elefantengedächtnis: Gestern erst zeigte es mir unter Google Fotos eine Erinnerung von vor einem Jahr. Ein Wochenende mit Freunden an der Ostsee. Mit Glühwein. Versteht sich, um diese Jahreszeit.

Über solche kleinen digitalen Bonbons freue ich mich. Meine alten Fotokisten haben mich noch nie proaktiv auf eine Erinnerungsreise entführt.

Dennoch: Irgendwie scheint es mir manchmal Fluch und Segen zugleich zu sein, diese Digitalisierungs-Technik. Sie macht ja so einiges bequem, aber sie macht einen auch WAHNSINNIG, wenn sie – meist aus unerfindlichen Gründen – nicht läuft.

Denn was im beruflichen Umfeld mit täglichem Einsatz von Technik – unterstützt von einem sehr beweglichen IT-Team für Kommunikation und Erhebungstechniken – meist selbstverständlich gut funktioniert, klappt im Privaten leider nicht immer reibungslos.

Und ich bin nun mal kein IT-Spezialist. Entsprechend steil war die Lernkurve denn auch in den letzten zehn Monaten: In vielerlei Hinsicht deutlich mehr auf digitale Kanäle und Hilfsmittel angewiesen als zuvor, musste nicht nur ich in Windeseile zu meinem eigenen IT-Manager werden.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Digitalisierung in Deutschland: Plötzlich Stresstest

Als ich kürzlich einige Ergebnisse aus dem DigitalBarometer las, unserer Langzeitstudie, die sich mit der Wahrnehmung und Einschätzung der hiesigen Bevölkerung zur Digitalisierung beschäftigt, fühlte ich mich jedenfalls ein Stück weit bestätigt.

Zu den Vor- und Nachteilen der für viele bis heute andauernden Homeoffice-Situation heißt es dort beispielsweise:

„Nur für sieben Prozent der Befragten fallen Probleme mit der technischen Ausstattung als Homeoffice-Nachteil ins Gewicht. Könnten sie nach dem Ende der Pandemie frei wählen, würden 47 Prozent der Nutzer*innen von Homeoffice in Zukunft einen bis zwei Tage pro Arbeitswoche von zu Hause aus ans Werk gehen.“

Dem kann ich mich anschließen: Beruflich ist – zum Glück – alles prima eingerichtet.

Aber privat lief die sprunghafte Zusatz-Digitalisierung teils etwas sperrig an. Verabredungen sind aktuell quasi nur noch via Video-Chat möglich. Wenn es über WhatsApp läuft, gar kein Thema. Aber das hat nicht jede*r: Threema, Signal und so weiter sind auf dem Vormarsch. Auch das ist eine relativ neue Facette der Digitalisierung: Datenschutz- und ethische Aspekte der Digitalisierung spielen für immer weitere Kreise der Bevölkerung eine Rolle – und ziehen sehr reale Konsequenzen nach sich.

Dann trifft man sich halt via Zoom, nein, doch lieber Teams, oder doch wieder ganz oldschool per Skype? Bis das geklärt ist, kann es dauern. So, nun aber schnell ins Meeting: Anmelden. Blöd, wenn man eh schon fünf Minuten zu spät dran ist und Microsoft dann erst einmal Updates laden möchte. Dann eben fix die App aufs Handy und darüber einsteigen. Man ist ja flexibel.

Euphorie, wenn dann alles wie geschmiert klappt. Falls nicht, fühle ich mich wie ein digitaler Dinosaurier… und wie war eigentlich nochmal mein Passwort für diese Anwendung?!

Corona: Ich bin müde

Schön dann aber, wenn die soziale Zurückhaltung über virtuelle Spieleabende, Pub-Quizze und Scribble-Contest spielerisch überbrückt werden kann und wir so digital mit Freund*innen, Familie und Kolleg*innen zusammenkommen können.

Dieses Urbedürfnis nach Nähe trotz räumlicher Trennung haben natürlich auch die Markenhersteller rasch für ihre Kommunikation entdeckt – wobei sich die Tonalität gerade in den ersten Monaten der Pandemie doch teils erstaunlich ähnelte.

Mittlerweile ist das „New Normal“ gar nicht mehr so „new“, und auch die Werbung beackert das Feld nun deutlich nuancierter. Corona-Müdigkeit macht sich breit, auch bei mir. Damit passe ich im Übrigen genau in die Ergebnisse des DigitalBarometers:

Während jüngere Menschen – und vor allem solche mit einer intensiven Social-Media-Nutzung – sich noch am ehesten in Werbung mit Corona-Bezug wiederfinden, sinkt dieser Anteil mit steigendem Alter deutlich ab. Ab 50 ist sogar mittlerweile jeder Zweite der Meinung: „Es reicht, Corona hat in der Werbung nichts zu suchen.“ Gleichzeitig kann keine Marke so tun, als wäre nichts. Eine Gratwanderung, die werbetreibende Unternehmen vor große Herausforderungen stellt.

Und das oft in mehr als einer Hinsicht: Wenn meine Videokonferenz genau im falschen Moment abstürzt, mein Rechner sich beim Update aufhängt, die App neben Passwort, Telefonnummer, Bestätigungscode auch noch Schuhgröße und den Mädchennamen meiner Mutter wissen will – wer kriegt den Ärger ab? Genau: die verantwortlichen Unternehmen.

Die allerdings haben letzten Jahr einiges richtig gemacht: 31 Prozent der Deutschen sprechen ihnen im aktuellen DigitalBarometer ihr Vertrauen aus, und damit fünf Prozent mehr als im Frühjahr vor Beginn der akuten Corona-Phase. Übrigens der beste Wert seit Beginn der Studie im Jahr 2018.

Noch ein weiter Weg

Zurück zum Alltag: Ich bewundere Freunde, die es geschafft haben, ihre ganze Familie zu digitalisieren, also nicht nur ihr Homeoffice, sondern auch das Homeschooling ihrer Kinder und das (familiäre) Sozialleben. Das sind dann die IT-Manager von ihren Kindern bis hin zu den Eltern. Aber auch die sind letztlich machtlos, wenn ab 17 Uhr auf einmal das Internet lahm liegt, weil in der Nachbarschaft die PlayStation- und Netflix-Zeit beginnt… Hatten wir nicht erst letztes Jahr eine große Diskussion über den Netzausbau?

Hier – ebenso wie in der Digitalisierung im Bildungsumfeld und vielen anderen Bereichen – spielt die Politik eine wichtige Rolle für die Digitalisierung. Und da ist die Stimmung laut DigitalBarometer nicht allzu optimistisch:

„Das Vertrauen in die für die Digitalisierung verantwortlichen Politiker verharrt auf niedrigem Niveau (15 %).

Die Frage, ob Deutschland in Sachen Digitalisierung bereits gut aufgestellt sei, wird weiterhin überwiegend negativ beantwortet und hat nach kurzem Aufwind Anfang 2020 einen erneuten Dämpfer erhalten – lediglich 15 Prozent der Befragten stimmen dieser These aktuell zu.“

Digitalisierung im Schnelldurchlauf: Was bleibt?

Ich muss gestehen, ich habe bestimmte Erwartungen an eine deutliche, wettbewerbsfähige Digitalisierung in Deutschland.

Dabei verstehe ich allerdings auch die Schwierigkeiten, die mit Digitalisierung verbunden sein können. Nicht jede*r ist zum Digitalisierungs-Manager geboren – aber gerade in jüngster Vergangenheit oft genug dazu gezwungen.

Daher bin ich sehr gespannt, was aus dem Digitalisierungsruck auch im Alltagsleben der Menschen in einem Jahr nachhaltig etabliert ist. Denn: Verhalten kann sich (zwangsläufig) in Krisenzeiten schnell ändern, nachhaltige Veränderung von Gewohnheiten ist da langsamer.

Ich freue mich auf weitere, spielerische Digitalisierung – aber auch auf den ersten Live-Kaffee, den ich wieder beruhigt mit Freund*innen ganz analog in unserem Lieblingscafé trinken darf.