Ich häkele, also bin ich
FOCUS esPresso, Januar 2008
Die Lust an klackernden Stöckchen / Ein Kommentar von Oliver Leisse, EARSandEYES, Hamburg
Wann haben Sie zuletzt gestrickt? Topflappen gehäkelt? Lebkuchenhäuschen gebaut? Gestern? Na, dann sind Sie ja voll im Trend. Denn die Welt wird immer digitaler und wir sind auf hartem Analog-Entzug.
Alles ist heute High-Tech und wer nicht weiß, wie man seine E-Mails über einen Blackberry abruft, gilt als Trottel. Der Druck ist groß. Wie kann man die Pippi-Langstrumpf-DVD für die Tochter rippen? Was ist überhaupt rippen? Verwirrende Zustände. Da genießen wir archaisches, analoges Handeln. Zum Beispiel backen, basteln, handwerkeln.
Selber machen – da bleibt die Zeit stehen. Stricken war früher die Fachdisziplin der Mädchen, die nicht ausgingen, weil sie keiner fragte. Heute wird Stricken wiederentdeckt und hat eine neue, zeitgemäße Botschaft: In all der Hektik und Unsicherheit der letzten Jahre gönne ich mir eine Strickpause. Ich stricke, also bin ich. Sich selbst finden ist Trend. Hier spielt auch ein meditativer Aspekt eine Rolle, versunken in ein mantra-artiges Stricknadel-Geklacker schalten wir endlich einmal ab. Die kontrollierende linke Gehirnhälfte ist beschäftigt und gönnt uns eine kleine Auszeit. Das entdecken zurzeit auch immer mehr Männer. Die Ergebnisse sind immer noch gruselig unbeholfen, aber sie sind authentisch: Drei, zwei, eins fallenlassen, meins. Ein strickendes Deutschland. Diese Vorstellung beruhigt doch ungemein.